{"id":281,"date":"2023-11-07T00:34:27","date_gmt":"2023-11-06T23:34:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.locativ.com\/dorinka\/?page_id=281"},"modified":"2023-11-07T12:00:19","modified_gmt":"2023-11-07T11:00:19","slug":"die-akrobatin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.locativ.com\/dorinka\/","title":{"rendered":"Die Akrobatin"},"content":{"rendered":"\n<p>Doreen ist am 2. Mai gestorben. Tags darauf bekam ich eine Mail von ihr. In der Betreffzeile nur ein Wort: <em>Adieu!<\/em> Darunter ihr l\u00e4chelndes Gesicht und zwei Daten: 20.7.1957 &#8211; 2.5.2013. Eine Beerdigung finde nicht statt, schrieb sie, da sie ihren K\u00f6rper dem Institut f\u00fcr Anatomie der Medizinischen Universit\u00e4t Wien vermacht habe. Das war alles. Ein L\u00e4cheln in einer Rundmail an Freunde verschickt, typisch Doreen, keine Sentimentalit\u00e4ten, keine Bestattungszeremonie, keine Kr\u00e4nze und keine Tr\u00e4nen, statt dessen etwas N\u00fctzliches: die Medizinstudenten sollten sehen, wie der neuroendokrine Krebs aussieht, der sie get\u00f6tet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich sp\u00e4ter von ihrem Lebensgef\u00e4hrten Luis Ritter erfuhr (den sie \u201emein Ritter\u201c zu nennen pflegte), verfasste sie diese Mail zwei Wochen vor ihrem Tod, als sie beschloss, auf die Palliativstation umzuziehen. In der Praxis bedeutete dieser Umzug das Ende des Kampfes gegen den Krebs. Er bedeutete aber nicht, sich selbst aufzugeben. Das Wort \u201eaufgeben\u201c kannte Doreen nicht. Auf der Palliativstation gelang es ihr, den unmenschlichen Schmerz zu \u00fcberwinden, der f\u00fcnf Monate lang ihrem K\u00f6rper zugesetzt hatte. Sie gewann ihre Ruhe zur\u00fcck. F\u00fcr einen Augenblick. Mehr wollte sie nicht mehr. Das war ihr Sieg. F\u00fcr einen Nachmittag kehrte sie zur\u00fcck in ihre Wohnung, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Auf einem DIN-A4-Blatt erteilte sie Luis Anweisungen: Garderobe und Kosmetika f\u00fcr X, schrieb sie, Kleiderst\u00e4nder aus dem Vorraum f\u00fcr Y, Auto f\u00fcr Z, f\u00fcr A das rosa T-Shirt mit dem Aufdruck \u201eHeiter weiter!\u201c. Auf dem DIN-A4-Blatt r\u00e4umte sie ihr Leben auf: Telefon und Auto abmelden, Sterbeurkunde da und dort vorlegen, Freunde und Bekannte per Mail benachrichtigen \u2013 unbedingt vom eigenen Konto verschicken, bat sie ausdr\u00fccklich, souver\u00e4n bis zum Schluss und sogar dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte sie vor Jahren bei einer musikalischen Soiree in ihrer Wohnung in der Postgasse im eleganten Zentrum von Wien kennengelernt. Freunde hatten mich im Anschluss an eine langweilige Auff\u00fchrung der Wiener Festwochen mitgenommen, sie konnten sich nicht genug wundern, dass ich Doreen Daume, die Pianistin und Mi\u0142osz-\u00dcbersetzerin, nicht kannte. Ich kannte sie nur vom Sehen, von den Lesungen in der Alten Schmiede und im Literaturhaus \u2013 eine schlanke Blondine mit Schwanenhals und Kurzhaarfrisur. Meist in Schwarz gekleidet, mit moderner Eleganz, war sie mir fr\u00fcher unnahbar erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>An jenem Abend spielte ihre Freundin, eine Studentin des Wiener Konservatoriums, f\u00fcr die G\u00e4ste. Doreen lie\u00df sie oft an ihrem Klavier \u00fcben, wenn die Prober\u00e4ume besetzt waren, was vor den Pr\u00fcfungen h\u00e4ufig vorkam; sie revanchierte sich mit Hauskonzerten. Doreen trat damals schon nicht mehr auf. Zur Aufgabe ihrer Karriere als Pianistin zwang sie ihre Krankheit, die sich Anfang der neunziger Jahre bemerkbar machte: multiple Sklerose.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Diagnose schloss sie ihr Studium an der Musikhochschule ab und begann als Klavierlehrerin zu arbeiten, wohl wissend, dass sie ihren Beruf, der gro\u00dfe motorische Fertigkeiten erforderte, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00fcrde aufgeben m\u00fcssen. Recht schnell merkte sie, wie frustrierend es sein kann, Kinder zu unterrichten, die Musik hassen und nur zum Unterricht erscheinen, um den Ehrgeiz ihrer Eltern zu befriedigen. Mit etwas mehr als drei\u00dfig Jahren musste sie sich neu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lernte Polnisch \u2013 angeblich zuerst, um die L\u00e4stereien ihrer Schwiegermutter zu verstehen. Ihr erster Ehemann war Pole. Die erste polnische Lekt\u00fcre war <em>\u201ePu der B\u00e4r\u201c<\/em>, die n\u00e4chste schon <em>\u201eDie Zimtl\u00e4den\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verhinderte Pianistin, die gerade ihr zweij\u00e4hriges \u00dcbersetzerstudium an der Universit\u00e4t Wien (1999) beendete, entdeckte, dass die \u00dcbersetzung der <em>\u201eZimtl\u00e4den\u201c<\/em> bei weitem nicht die literarische Klasse des Originals hatte. Also schrieb sie einen flammenden Brief an den deutschen Herausgeber von Bruno Schulz, den renommierten Hanser Verlag, und schlug eine eigene \u00dcbersetzung vor. Der Verlagschef sah jedoch keinen Bedarf, eine Neu\u00fcbersetzung in Auftrag zu geben (die bestehende war \u201egerade einmal\u201c vierzig Jahre alt), schon gar nicht bei jemandem, der noch keinerlei \u00dcbersetzungen vorzuweisen hatte, wie er ihr freiheraus mitteilte, am\u00fcsiert \u00fcber ihren naiven Enthusiasmus.<\/p>\n\n\n\n<p>So begann Doreens \u00fcbersetzerisches Abenteuer mit Schulz\u2019 Texten, das \u00fcber ein Jahrzehnt w\u00e4hrte und von gro\u00dfem Erfolg gekr\u00f6nt war: Doreen erhielt f\u00fcr <em>\u201eDie Zimtl\u00e4den\u201c<\/em>, die sie schlie\u00dflich 2008 im Hanser Verlag (also doch!) ver\u00f6ffentlichte, die wichtigsten \u00dcbersetzerpreise im deutschsprachigen Raum (u. a. das Zuger \u00dcbersetzer-Stipendium in H\u00f6he von 25.000 Euro und den \u00f6sterreichischen Staatspreis f\u00fcr literarische \u00dcbersetzung), und die Kritiker der gr\u00f6\u00dften deutschsprachigen Zeitungen lobten die kongeniale \u00dcbersetzung, die es ihnen erlaubte, den Schriftsteller aus Drohobycz neu zu entdecken, in h\u00f6chsten T\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir freundeten uns im Herbst 2004 an, w\u00e4hrend unseres gemeinsamen Aufenthaltes in der Villa Decius in Krakau als \u201eHomines Urbani\u201c-Stipendiaten zusammen mit Juli Zeh, Tanja D\u00fcckers, Jakub Ekier und Andrij Bondar. Sie hatte sich als \u00dcbersetzerin polnischer Literatur bereits einen Namen gemacht, obwohl seit ihrem Deb\u00fct (<em>\u201eH\u00fcndchen am Wegesrand\u201c<\/em> von Czes\u0142aw Mi\u0142osz) erst vier Jahre vergangen waren. In diesem kurzen Zeitraum ver\u00f6ffentlichte sie u. a. Gedichtb\u00e4nde von Mi\u0142osz, Mariusz Grzebalski, Ewa Lipska und Piotr Sommer, Prosa von Janusz Rudnicki und W\u0142odzimierz Kowalewski sowie Marek Krajewskis Bestseller <em>\u201eTod in Breslau\u201c<\/em>. Sie wartete immer noch darauf, endlich einen Vertrag f\u00fcr eine neue Schulz-\u00dcbersetzung zu bekommen, w\u00e4hrend Hanser sie mit immer neuen \u00dcbersetzungen beauftragte \u2013 Doreen sammelte Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Villa arbeitete sie an der \u00dcbersetzung mehrerer Theaterst\u00fccke f\u00fcr das Festival \u201eEurop\u00e4ische Theatertage\u201c in Bremen. Das zeitgen\u00f6ssische Drama war f\u00fcr sie ein neues Terrain, das sie voller Eifer zu erkunden begann \u2013 nicht einmal der Neusprech der Prolls konnte ihren Elan bremsen (in Bremen wurde sie 2005 f\u00fcr die sprachliche Kreativit\u00e4t ihrer \u00dcbersetzungen ausgezeichnet). Abends kochte sie f\u00fcr uns in der Gemeinschaftsk\u00fcche des Stipendiatenhauses \u201eDom \u0141aski\u201c K\u00fcrbiskernsuppe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war eine leidschaftliche Spazierg\u00e4ngerin. Zur Mittagszeit erstrahlte der Park der Villa in grellen Herbstfarben, und wir B\u00fccherw\u00fcrmer vergruben uns in unseren Texten, um erst abends aus unseren H\u00f6hlen hervorzukriechen, wenn sich in Kazimierz die Lokale f\u00fcllten, der Rauch immer dichter wurde und im Keller der \u201eAlchemia\u201c die Beschallung durch die Livemusik jegliche Unterhaltung unm\u00f6glich machte. Doreen dagegen, die wie eine Blume dem Lauf der Sonne folgte, konnte den t\u00e4glichen Mittagsspaziergang kaum erwarten und durchstreifte mit Entdeckerfreude die wildesten Winkel von Wola Justowska. Nur widerstrebend lie\u00df ich mich \u00fcberreden, mit in den Wald zu kommen \u2013 zu einer Tageszeit, in der das Gehirn durch eine entsprechende Dosis Koffein angetrieben, erst langsam auf Touren kommt \u2013, geplagt von Schuldgef\u00fchlen wie die Klassenbeste, die vergessen hat, ihre Hausaufgaben zu machen. F\u00fcr Doreen bedeutete spazieren gehen mehr als nur Sonne und frische Luft tanken, die, wie man wei\u00df, in Krakau Mangelware ist. Die \u201eunheilbar Kranke\u201c (was man in ihrer Gesellschaft leicht verga\u00df) war bewegungshungrig und die Sportlichste von uns allen. In Wien trainierte sie regelm\u00e4\u00dfig, fuhr auf der Donauinsel Fahrrad, skatete drei\u00dfig Kilometer inline, spielte im benachbarten Park Speedminton und Tischtennis, alles, um fit zu bleiben, die Muskeln zu kr\u00e4ftigen, der Krankheit zu trotzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ertappte mich manchmal dabei, wie ich ihre weichen, t\u00e4nzelnden Bewegungen beobachtete und in ihnen Anzeichen der Krankheit zu erkennen suchte. H\u00e4tte ich es nicht gewusst, ich h\u00e4tte es nie erraten. Der Krebs, der im vergangenen November pl\u00f6tzlich auftauchte, verbreitete sich in erschreckendem Tempo und hatte den Nebeneffekt, dass die urspr\u00fcngliche Krankheit, <em>multiple Sklerose<\/em>, deren feindseliger Klang den Gedanken an einen Rollstuhl in naher oder etwas fernerer Zukunft weckte, als eine unschuldige, chronische Unp\u00e4sslichkeit erschien \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter, von der Chemotherapie niedergestreckt, nur dank Morphiumpflastern in der Lage, das Bett zu verlassen, schrieb sie: <em>\u201eIch habe die Tischtennisplatte im Park von Bl\u00e4ttern und Schnee befreit. Das muss als Gymnastik f\u00fcr heute gen\u00fcgen. Morgen versuche ich mit Luis ein paar Ballwechsel \u2026\u201c<\/em>. Die Vitalit\u00e4t der todkranken Doreen konnte Gesunde besch\u00e4men.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Wiener Wohnung war lichtdurchflutet, mit moderner Eleganz eingerichtet, funktional: einfache B\u00e4nke mit schwarzem Leder bezogen, ergonomische St\u00fchle \u2013 f\u00fcr die Arbeit am Schreibtisch und zum Lesen \u2013 stabile St\u00e4nder f\u00fcr die W\u00f6rterb\u00fccher, an den W\u00e4nden Schulz-Graphiken; ein wei\u00dfer Mac, ein schwarzes Klavier, graue, bis an die Decke mit B\u00fcchern gef\u00fcllte Regale \u2026 Die Wohnung war hell und gut geordnet, so wie sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lag idealerweise gleich neben der U-Bahn-Station Stubentor und den intellektuellen Wiener Kaffeeh\u00e4usern <em>Pr\u00fcckel<\/em> und <em>Engl\u00e4nder<\/em>, in die Doreen in Patschen hinuntergehen konnte. Wir trafen uns meist im <em>Engl\u00e4nder<\/em>, wo die Atmosph\u00e4re weniger s\u00fc\u00dflich war \u2013 wir standen beide nicht auf Kaffee und Kuchen, der Kulturtanten und Studenten ins Pr\u00fcckel lockte. Der <em>Engl\u00e4nder<\/em> kam ohne Schlagobers aus. Wir zogen die englische Clubatmosph\u00e4re dem pl\u00fcschigen Wiener Flair im <em>Pr\u00fcckel<\/em> vor. Krzysztof Michalski vom Institut f\u00fcr die Wissenschaft vom Menschen (2013 gestorben) war im Engl\u00e4nder Stammgast, Schriftsteller wie Gert Jonke (2009 gestorben) und Robert Schindel schauten oft vorbei, Peter Sloterdijk kam gelegentlich zur Mittagszeit hereingest\u00fcrzt, um Eier mit Speck zu verzehren, und abends dinierte hier h\u00e4ufig Luc Bondy mit seiner Entourage.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir breiteten auf dem Tisch unsere Notizb\u00fccher, Listen mit Fragen zu aktuellen \u00dcbersetzungen und Originaltexte aus und machten uns an die Arbeit. Wir \u00fcbersetzten in entgegengesetzte Richtungen \u2013 die Ausgangssprache der einen war die Muttersprache der anderen und umgekehrt \u2013, weshalb wir uns beim Entschl\u00fcsseln und Erkl\u00e4ren von Mehrdeutigkeiten und Kontexten gegenseitig helfen konnten. Doreen liebte Wortspiele, ging der Sprache auf den Grund \u2013 gewann im Scrabble auf Polnisch selbst gegen Muttersprachler. In unsere Umgebung kam Leben, wenn ich ihr auseinandersetzte, was \u201elachoci\u0105gi\u201c [Frauen, die M\u00e4nner oral befriedigen] sind oder \u201ez\u0142apa\u0107 faz\u0119\u201c [nach Alkoholgenuss eine euphorische Phase erleben] hei\u00dft. Oder als wir laut \u00fcberlegten, was Tkaczyszyn-Dycki mit \u201esko\u0144czy\u0142em na Leszku\u201c gemeint haben k\u00f6nnte: \u201eich bin mit meinem Leben am Ende\u201c, \u201eich bin erledigt\u201c oder vielleicht \u201eich bin auf Leszek gekommen und habe abgespritzt\u201c, fragte Doreen sachlich, wobei sie die Stirn nachdenklich in Falten legte. Krzysztof Michalski versank noch tiefer hinter seiner Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte die Gewohnheit, sich in den B\u00fcchern mit Kugelschreiber Notizen zu machen. Durch Unterstreichungen, Kommentare, krumme Ausrufe- und Fragezeichen eignete sie sich den Text physisch an \u2013 war sie mit ihm fertig, stellte sie das vollgekritzelte Exemplar ins Regal und kehrte nie wieder zu ihm zur\u00fcck. \u00c4hnlich war es, wenn eine Arbeits- oder Lebensphase zu Ende ging. Doreen machte Ordnung, s\u00e4uberte den Computer, leerte ihr Mailkonto, machte Platz f\u00fcr neue Texte, neue Begegnungen, neue Erfahrungen. Sie sammelte keine Andenken, hob keine Briefe auf, schleppte keinen Ballast aus der Vergangenheit mit sich herum. Einmal bekannte sie mir gegen\u00fcber, sie wisse nicht, was Melancholie sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie stammte aus Deutschland, wurde in Dortmund geboren, in einer wohlhabenden b\u00fcrgerlichen Familie. Willi Daume, ihr Vater, war Unternehmer und Sportfunktion\u00e4r, Pr\u00e4sident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees und Organisator der Olympischen Sommerspiele in M\u00fcnchen 1972.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Doreen in Bayern, in der repr\u00e4sentativen Villa Waldberta am Starnberger See. Viele Jahre sp\u00e4ter kam sie als \u00dcbersetzerin und Stipendiatin zur\u00fcck. Sie freute sich, dass die riesige Villa endlich als Internationales K\u00fcnstlerhaus ihre Bestimmung gefunden hatte. Mit Genugtuung f\u00fchrte sie die Mitbewohner durch den ehemaligen Haushalt der Familie Daume, bei der seinerzeit u. a. Willy Brandt und Henry Kissinger zu Gast gewesen waren. Als Einzige der Familie konnte sie in das gro\u00dfb\u00fcrgerliche Haus zur\u00fcckkehren, in dem sie einst zu ersticken drohte und aus dem sie in die Welt der K\u00fcnste gefl\u00fcchtet war.<\/p>\n\n\n\n<p>In fr\u00fcher Jugend beschloss sie Pianistin zu werden. Den konservativen Eltern gefielen die k\u00fcnstlerischen Pl\u00e4ne der Tochter nicht. W\u00e4re es nach ihnen gegangen, h\u00e4tte Doreen einen reichen Unternehmer geheiratet, ihm Kinder geboren und sich mit der Rolle der \u201erepr\u00e4sentativen\u201c Ehefrau begn\u00fcgt. Doch sie widersetzte sich dem autorit\u00e4ren Vater und zog nach Wien. Sie wollte von den Besten lernen und brauchte Abstand von der Familie, der sie sich immer mehr entfremdete, bis sie ganz mit ihr brach. Sie wurde Wahl\u00f6sterreicherin \u2013 in Wien verbrachte sie \u00fcber drei\u00dfig Jahre, also einen Gro\u00dfteil ihres Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte eine Angewohnheit, die angesichts ihrer ausgezeichneten Erziehung recht exzentrisch anmutete: Im Restaurant schminkte sie sich die Lippen, indem sie ein Messer als Spiegel benutzte. Sie war darin ge\u00fcbt und machte sich nichts aus den tadelnden Blicken der Damen an den Nachbartischen. Vor zwei Jahren brachte ihr Amanita Muskaria aus Buenos Aires, vom Flohmarkt in San Telmo, ein Geschenk mit: einen silbernen Essl\u00f6ffel, in den ein Spiegelchen eingelassen war. Dieser pfiffige L\u00f6ffel belustigte sie sehr. Aber nat\u00fcrlich trug sie ihn nicht bei sich in der Handtasche. Wozu einen L\u00f6ffel mit sich herumtragen, wenn ein Messer zur Hand ist. Diese kleine provokative Geste war ein \u00dcberbleibsel ihrer jugendlichen Rebellion gegen die b\u00fcrgerliche Etikette.<\/p>\n\n\n\n<p>Das musikalische Geh\u00f6r und ihre Ausbildung zur Pianistin pr\u00e4destinierten sie geradezu zum \u00dcbersetzen von Lyrik und lyrischer Prosa \u2013 Lyrik macht die H\u00e4lfte ihrer Bibliographie aus. H\u00e4ufig verglich sie die Arbeit des \u00dcbersetzers mit der Interpretation eines musikalischen Werkes. In einem kurzen unver\u00f6ffentlichten Text schrieb sie \u00fcber ihre musikalischen Inspirationen:<br><em>\u201eWenn die Stille akzeptabel ist und der zu \u00fcbersetzende Text exzellent, und wenn ich keine Sekunde an die Zeit denken mu\u00df, dann passiert es, da\u00df sich beim \u00dcbersetzen ,au\u00dferliterarische Anmutungen\u2018 einstellen. Dann schl\u00e4gt ein Text in mir die gleiche Saite an, wie etwa ein Musikst\u00fcck oder ein Bild, und evoziert einen Affekt, der eigentlich der anderen Sph\u00e4re entlehnt ist, nun jedoch auch meine \u00dcbersetzung inspiriert und eventuell koloriert.<br>Bei den Texten von Bruno Schulz f\u00e4llt mir oft Klaviermusik von Alexander Skrjabin ein, oder die Kreisleriana von Robert Schumann. Die Lyrik von Andrzej Kopacki l\u00e4\u00dft Bilder von Kandinsky oder Paul Klee vor mir entstehen, Jakub Ekiers Gedichte klingen sehr nach Anton Webern \u2013 abgesehen von einem, das wie eine Chopin-Polonaise donnert. Czes\u0142aw Mi\u0142osz gemahnt oft an Anton Bruckner (was meine Saiten betrifft), Mariusz Grzebalski an Cool Jazz und Marta Podg\u00f3rnik an Tom Waits. Aber nat\u00fcrlich nicht immer. Ich k\u00f6nnte das alles wahrscheinlich begr\u00fcnden, bin aber froh, da\u00df ich es nicht mu\u00df. Es sind meine kleinen privaten Aberrationen, f\u00fcr mich die gl\u00fccklichsten Momente bei der Arbeit. Denen allerdings unbedingt noch viele Momente des sachlichen Durchdenkens und der n\u00fcchternen Betrachtung folgen m\u00fcssen. Es ist also unerl\u00e4sslich, die unter solcherlei Einfl\u00fcsterungen entstandenen Texte noch einmal bei gem\u00e4\u00dfigtem Baustellenl\u00e4rm und Tageslicht durchzugehen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Baustellenl\u00e4rm wurde jedoch unertr\u00e4glich \u2013 in unmittelbarer Umgebung ihrer sonnigen Wohnung in der Postgasse wurden in den letzten Jahren mehrere Dachb\u00f6den ausgebaut \u2013, was sie letztlich zwang, in den vierten Bezirk umzuziehen. Sie bereute es nicht, \u00fcberhaupt schien sie nichts zu bereuen. Sie akzeptierte Ver\u00e4nderungen, wenn sie unvermeidlich waren, Beschr\u00e4nkungen nahm sie dem\u00fctig hin, selbst in der Krankheit sah sie eine Chance.<\/p>\n\n\n\n<p>Einst zwang die multiple Sklerose sie, die Klaviatur des Pianos gegen die Tastatur des Computers einzutauschen. Sie vollzog diese Kehrtwende mit viel Charme, zum eigenen Nutzen, aber auch zum Nutzen der Literatur \u2013 nicht nur der polnischen. Seit einiger Zeit hatte sie wieder das Gef\u00fchl gehabt, die Zeit w\u00e4re reif f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Sie wollte weniger \u00fcbersetzen und sich mehr aufs Schreiben verlegen. Ihre sprachlichen Fertigkeiten beschloss sie, in der Werbung zu erproben. Im letzten Jahr schloss sie einen Kurs f\u00fcr Werbetexter ab. Denn selbst der Erfolg der Schulz-\u00dcbersetzung zeigte, auf zehn Jahre Arbeit hochgerechnet, wie schwer es ist, vom \u00dcbersetzen zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Anerkennung, die ihr zuteilwurde, erlebte sie auch manchen bitteren Moment in diesem wenig gesch\u00e4tzten und schlecht bezahlten Beruf. Sie litt darunter, als \u00dcbersetzerin rein instrumental behandelt zu werden. Am meisten schmerzte sie das bei dem Verlag, mit dem sie schon lange zusammengearbeitet hatte. Voller Enthusiasmus machte sie sich vor zwei Jahren an eine neue \u00dcbersetzung \u2013 die Gegenstand eines m\u00fcndlichen Vertrages war. Sie schickte die Texte, aber der Verlag schwieg \u2026 Von Krankheit gebrochen, verlangte sie die Honorierung ihrer Arbeit, telefonisch wie schriftlich, und erfuhr auf zweierlei Weise eine unbegreifliche und durch nichts begr\u00fcndete Geringsch\u00e4tzung. Die Nachricht, dass die Texte ver\u00f6ffentlicht werden, traf erst nach ihrem Tod ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dreizehn Jahren Literatur\u00fcbersetzen wusste Doreen nur zu gut, dass nicht jede \u00dcbersetzung Fl\u00fcgel verleiht. Sie wusste, dass \u00dcbersetzungen Transfusionen fremden Blutes sind: Manchmal perlt der Text in den Adern wie Champagner, manchmal lagert er sich ab wie lehmiger Brei, wie Blei, und vergiftet \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie vorigen November erfuhr, dass sie Krebs hat und es im Grunde schon zu sp\u00e4t ist, Hoffnung zu haben, beendete sie gerade die \u00dcbersetzung von Mro\u017ceks Tageb\u00fcchern. Ich sagte ihr: Vergiss es, Doreen, verlass diesen Steinbruch, lass jemand anderen den Text zu Ende \u00fcbersetzen \u2026 Sie wollte nicht auf mich h\u00f6ren, sie f\u00fchlte sich verpflichtet, dem Verlag und dem Autor gegen\u00fcber. Loyal und gewissenhaft bis zum Schluss. Sie hatte sich bem\u00fcht um diese \u00dcbersetzung, an einem Wettbewerb teilgenommen und ihn gewonnen. Damals hatte sie nicht gewusst, worauf sie sich einlie\u00df. Mro\u017ceks Depressionen auf achthundert Seiten. Sp\u00e4ter gab sie zu, dass sie stets dann Hoffnung sch\u00f6pfte, wenn Mro\u017cek sich betrank \u2013 da er in diesem Zustand gelegentlich ein paar geistreichere Gedanken hatte, wenngleich er im Tagebuch meist nur das Uninteressante festhielt und Dramatisches oder zumindest nicht Allt\u00e4gliches schweigend \u00fcberging. Dar\u00fcber hinaus war der Text stellenweise wirr und nicht redigiert worden \u2013 vermutlich hatte man zu viel Respekt vor dem Autor gehabt. Doreens mimetische Pr\u00e4zision erwies sich in diesem Fall als verh\u00e4ngnisvoll. In ihrer Verzweiflung schickte sie mir lange, syntaktisch zerst\u00fcckelte Tagebuchs\u00e4tze und Gedankenketten mit wechselnden Subjekten und bat mich, ihr zu helfen, zu verstehen, worum es ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen den einzelnen Chemotherapien machte sie mit M\u00fche ihre Korrekturen. Kurz vor Weihnachten rief sie mich an und sagte, sie w\u00e4re fertig. Angesichts ihres Gesundheitszustands war das ein heroischer Akt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sprachliches Talent, Belesenheit, Liebe zur Literatur und hervorragende Fremdsprachenkenntnisse sind zu wenig, um \u00dcbersetzer zu sein. Unerl\u00e4sslich ist Empathie. Doreen hatte sie im \u00dcberma\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Wochen nach ihrem Tod traf ich mich mit Luis in ihrer Wohnung. Auf dem Notenpult des Klaviers im Wohnzimmer standen noch die <em>Goldberg-Variationen<\/em>. Ich kann nur noch Bach spielen, sagte sie, als wir uns das letzte Mal sahen, das ist eine Musik, die selbst dann noch wunderbar klingt, wenn sie schlecht gespielt wird, und ich bin schon so schwach \u2026 Auf dem schwarzen Sofa lagen die Erz\u00e4hlungen von Alice Munro, die Doreen zuletzt entdeckt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor zwanzig Jahren erschien die Krankheit, um mir zu helfen, mein Leben zu \u00e4ndern, sagte sie im Dezember, sie erschien, als ich die Nase voll hatte, widerspenstige Kinder zu unterrichten, die f\u00fcr Musik taub waren. Und jetzt erscheint die Krankheit in einem Moment, in dem ich nicht mehr das \u00fcbersetzen will, was mir die Verlage vorschlagen, sondern nur das, was ich selbst entdecke, was mich inspiriert. Ich will schreiben. Ich wei\u00df nicht, ob ich noch dazu kommen werde, sagte sie. Sie kam nicht mehr dazu. Sie hatte zu lange gewartet. Zu lange hatte sie ihre brillante Feder \u2013 wovon ihre ver\u00f6ffentlichten Texte zeugen \u2013 anderen geliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr letzter Essay, den sie in ihren letzten Lebenswochen geschrieben hat, erz\u00e4hlt von einem Akrobaten , beziehungsweise von drei Akrobaten. Inspiration war das Lemberger Lied \u201eDer Akrobat ,die Fliege\u2018\u201c gewesen, das DIE GROSSMUTTER in dem von Doreen \u00fcbersetzten St\u00fcck \u201eDaily Soup\u201c sang: <em>\u201eKam einmal nach Lemberg, der Akrobat ,die Fliege\u2018 \u2013 fiel vom Dach, drei Stockwerk tief, wo er auf der Stell\u2019 entschlief.\u201c<\/em> Doreen war eine Akrobatin. Ihr ganzes Leben tanzte sie auf dem Hochseil \u2013 ohne Sicherung. Das Schicksal warf ihr Kl\u00f6tze zwischen die Beine, denen sie anmutig auszuweichen wusste, indem sie einen meisterhaften Salto mortale \u00fcber dem Abgrund vollf\u00fchrte. Sie schienen ein eingespieltes Paar zu sein. Und pl\u00f6tzlich das. Ein Schlag unter die G\u00fcrtellinie. Eine Ungerechtigkeit. Eine Schweinerei.<br>Das Schicksal wollte es so. Zum Teufel mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Monika Muska\u0142a<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(aus dem Polnischen: <strong>Andreas Volk<\/strong>)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doreen Daume (1957-2013)<\/strong> \u2013 \u00dcbersetzerin polnischer Literatur ins Deutsche, vor allem Lyrik: Czes\u0142aw Mi\u0142osz, Ewa Lipska, Piotr Sommer, Mariusz Grzebalski, Andrzej Kopacki, Jakub Ekier, Ewa Podg\u00f3rnik, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki. F\u00fcr die \u00dcbersetzung der \u201eZimtl\u00e4den\u201c und des \u201eSanatoriums zur Sanduhr\u201c von Bruno Schulz erhielt sie h\u00f6chste Auszeichnungen und Preise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Monika Muska\u0142a<\/strong> \u2013 \u00dcbersetzerin deutscher Literatur ins Polnische, u. a. Thomas Bernhard, Werner Schwab, Frank Wedekind, \u00d6d\u00f6n von Horvath, Heiner M\u00fcller. Unter dem Pseudonym Amanita Muskaria schrieb sie zusammen mit ihrer Schwester Gabriela zwei Theaterst\u00fccke: \u201eDie Reise nach Buenos Aires\u201c [Podr\u00f3\u017c do Buenos Aires] und \u201eDaily Soup\u201c. Beide erschienen in Doreen Daumes \u00dcbersetzung auf Deutsch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doreen ist am 2. Mai gestorben. Tags darauf bekam ich eine Mail von ihr. In der Betreffzeile nur ein Wort: Adieu! Darunter ihr l\u00e4chelndes Gesicht und zwei Daten: 20.7.1957 &#8211; 2.5.2013. Eine Beerdigung finde nicht statt, schrieb sie, da sie ihren K\u00f6rper dem Institut f\u00fcr Anatomie der Medizinischen Universit\u00e4t Wien vermacht habe. 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